Moderne Brände

Im Rahmen umfangreicher Forschungsprojekte die vom National Institute of Standards and Technology (NIST) gemeinsam mit den Underwriters Laboratories (UL) und verschiedenen Feuerwehren in den letzten Jahren durchgeführt wurden hat sich gezeigt, dass die heutigen Rahmenbedingungen wie Bauweise, Hohe Verbreitung kunststoffhaltiger Produkte und die Nutzung regenerativer Energien wie z.B. von Photovoltaiksystemen einen erheblichen Einfluss auf die Taktik zur Brandbekämpfung genommen haben.

Im Juli 2012 führte das National Institute of Standards and Technology (NIST) gemeinsam mit den Underwriters Laboratories (UL) und der Feuerwehr New York eine aus über 100 Einzelversuchen bestehende Versuchsreihe in 20 Gebäuden durch um die bis dahin herkömmliche Vorgehensweise bei Bränden in Gebäuden zu testen und verschiedene Taktiken zur Bekämpfung von Bränden auszuprobieren.

Die Experimente fanden in aufgegeben Kasernen der US Küstenwache auf Governors Island statt. Die Gebäudestruktur bestand aus gemauerten Backsteinaußenwänden, während die Innenwände und Etagenkonstruktionen in Holzrahmenbauweise errichtet wurden.

Die Räume wurden mit der entsprechenden Inneneinrichtung versehen, die im Wesentlichen aus handelsüblichen Möbeln und Einrichtungsgegenständen bestand. Für jedes Experiment wurde dieselbe Menge brennbarer Stoffe verwendet um die Vergleichbarkeit der Versuche zu gewährleisten.

Im Vorfeld zu dieser Versuchsreihe führten NIST und UL bereits Studien zu verwandten Themen durch deren Ergebnisse während der Governors Island Versuchsreihe verifiziert werden sollten. Außerdem sollten verschiedene Vorgehensweisen für die Brandbekämpfung und die Ventilation bei Bränden getestet und bewertet werden.

Jedes Reihenhaus wurde mit über 100 Sensoren ausgestattet, um Temperaturen, Wärmeströmungen, die Konzentration toxischer Gase und anderen Variablen zu messen. Kameras in jedem Reihenhaus filmten die Versuche.

Die bereits vor der Governors Island Versuchsreihe durchgeführten Versuche brachten folgende Erkenntnisse zu Tage:

  • Bränden in Gebäuden moderner Bauweise mit der heute üblichen Inneneinrichtung produzieren mehr Rauch, mehr Hitze und mehr toxische Gase als Brände in Gebäuden vor 30 oder 40 Jahren.
  • „Moderne“ Brände verbrauchen im Vergleich zu den Bränden der 1950er und 1960er Jahre erheblich schneller und erheblich mehr Sauerstoff. Dies führt bei „modernen“ Bränden dazu, dass teilweise bereits nach 5 Minuten der Brand das ventilationskontrollierte Stadium erreicht. Nach dem Türen und Fenster geöffnet wurden ereignete sich der Flash-Over nach 2 bis 3 Minuten.
  • „Moderne“ Brände erzeugen viel Rauch und mit dem Rauch viele brennbare Gase die mangels Sauerstoff nicht verbrennen können. Dieser Umstand führt dazu, dass der Brandrauch selbst als brennbarer Stoff angesehen werden muss.
  • Die Überlebenswahrscheinlichkeit von Personen die sich in den heutigen Brandwohnungen befinden ist niedriger als die Überlebenswahrscheinlichkeit vor 30 Jahren da weniger Sauerstoff in der Raumatmosphäre verbleibt und mehr toxische Gase erzeugt werden.

Die Governors Island Versuchsreihe bestätigte diese Erkenntnisse erneut und brachte im Hinblick auf das taktische Vorgehen zur Brandbekämpfung und Ventilation neue Erkenntnisse. Untersucht wurden zusammenfassend folgende Themenblöcke:

  • Welchen Einfluss üben Ventilationsmaßnahmen auf den Brandverlauf aus?
  • Welchen Einfluss üben verschiedene Vorgehensweisen im Außen- und Innenangriff auf den Brandverlauf aus?

Basiswissen

Um die Ergebnisse der Governors Island Experimente und der anderen Versuchsreihen richtig in den Kontext setzen zu können muss an dieser Stelle auf ein paar Begriffe eingegangen werden die wichtig für das Verständnis der Studien sind.

 

Wärmefreisetzungsrate (Heat Release Rate)

Die Einheit der Wärmefreisetzungsrate wird als Energie pro Zeit definiert und üblicherweise in Kilowatt oder Megawatt angegeben. Diese Größe wird auch als Brandleistung bezeichnet.

1 Joule/Sekunde 1 Watt
1000 W (1000 J/s) 1 kW
1.000.000 W

1 MW

 

 

 

Ein gefüllter, kleiner Abfalleimer verbrennt mit einer HRR von 30 kW, ein Sessel mit PU-Schaum Polsterung mit 2 MW, ein Zweisitzer Sofa mit 2,5 MW und ein Doppelbett mit rund 4 MW.

Eine Wärmefreisetzung von 2 MW (also EIN Sessel) ist ausreichend um eine Raumdurchzündung zu verursachen. Führt man sich die eigene Wohnzimmerausstattung vor Augen (Sofa, Sessel, Regale, evtl. Teppiche) wird klar wieviel mögliche Energie in einer einfachen Zimmerausstattung bereits steckt.

Der Unterschied zwischen Wärme und Temperatur ist wichtig für die Einschätzung moderner Feuer.

 

Temperatur

Die Temperatur beschreibt die Eigenschaft eines Stoffes. Wärme und Temperatur hängen insofern zusammen, als dass sich Wärme so lange von dem Stoff mit hoher Temperatur zu dem Stoff mit niedriger Temperatur bewegt bis ein Ausgleich geschaffen ist. Dies sollen die folgenden Beispiele verdeutlichen:

Eine Kerzenflamme verbrennt mit einer Temperatur von rund 800° C und setzt dabei 80 W Wärmenergie frei. Zehn Kerzenflammen verbrennen bei derselben Temperatur, setzen aber 800 W Wärmeenergie frei. Die Wärmeenergie stellt also die eigentliche Gefahr dar denn auch Möbel und Inneneinrichtung die verbrennen setzen eine enorme Menge Wärmeenergie frei.

Wenn ein Eiswürfel zu Crushed Ice gemahlen wird hat jeder Eissplitter noch dieselbe Temperatur wie der Eiswürfel aber die einzelnen Splitter verfügen jeder für sich über weniger Wärmeenergie als der Eiswürfel.

 

Schwerkraftströmung

Der Begriff „Schwerkraftströmung“ bezeichnet im Allgemeinen eine einander entgegengesetzte Bewegung zweier Gase/Flüssigkeiten (Fluide), die durch einen Dichteunterschied verursacht wird.

Als Schwerkraftströmung kann man die Strömung von Hitze und Rauch von der Überdruckzone des Brandes hin zu den Zonen mit weniger Druck die über Ventilationsöffnungen (Türen, Öffnungen oder Fenster) für Hitze und Rauch erreichbar sind bezeichnen.

Der „Weg“ zwischen Brand und Ventilationsöffnung kann als Strömungspfad bezeichnet werden (Flow Path).

Während die heißen Brandgase im Brandraum einen Überdruck (positive Zone) erzeugen und in Richtung der Ventilationsöffnung strömen wird im unteren Bereich (negative Zone) die Energie des Brandes sauerstoffreiche Luft in Richtung des Feuers gesogen und verbraucht den Sauerstoff. Die Trennung zwischen diesen beiden Schichten wird als neutrale Zone bezeichnet.

Abhängig von der Bauweise des Gebäudes und den vorhandenen Öffnungen können in einem Gebäude mehrere Schwerkraftströmungen vom Feuer zu Ventilationsöffnungen führen.

Abbildung 1 Darstellung Überdruck/Unterdruckzone

Abbildung 1 Darstellung Überdruck/Unterdruckzone

Würde man in dem oben abgebildeten Haus eine Ventilationsöffnung im ersten Obergeschoss schaffen könnten sich der Rauch und die heißen Brandgase ins Obergeschoss ausbreiten. Die Rauchschicht im Erdgeschoss würde sich kurzfristig heben, die Verbrennung würde sich aufgrund des zusätzlichen Luftangebotes verstärken und die Gesamtsituation verschlimmern. Würden sich zu diesem Zeitpunkt Feuerwehrangehörige oder Bewohner zwischen der neuen Ventilationsöffnung und dem Brandherd befinden, würden sich diese Personen in höchster Gefahr befinden da Rauch und heiße Brandgase über sie hinwegströmen würden.

Abbildung 2 Darstellung Ventilationsöffnung

Abbildung 2 Darstellung Ventilationsöffnung

 

Brandverlaufsphasen

Der Bereich zwischen der Entzündung eines Feuers und dem Moment der Raumdurchzündung wird als Entstehungsbrand bezeichnet.

Die Temperatur im Brandraum wird während dieser Phase kontinuierlich steigen, wenn ein Fenster oder eine Tür geöffnet ist (kontinuierliche Sauerstoffversorgung). In dieser Phase ist das Feuer brennstoffkontrolliert. Das heißt, es ist genug Sauerstoff vorhanden um den entzündeten Brennstoff zu verbrennen und der vorhandene Brennstoff ist die limitierende Größe.

Im weiteren Verlauf des Brandes werden durch Wärmestrahlung und Konvektion alle Gegenstände und Oberflächen im Raum aufgeheizt und bilden schlagartig eine große Menge an Pyrolysegasen. Diese Gase bilden mit der im Zimmer vorhandenen Luft ein zündfähiges Gemisch welches sich an den offenen Flammen entzündet und so schlagartig den gesamten Raum in Brand setzt. Der Brand geht in dieser Phase vom brennstoffkontrollierten in den ventilationskontrollierten Brand über, da zu wenig Sauerstoff zur Verfügung steht um die entstandene Gasmenge zu verbrennen.

Abbildung 3 Traditioneller Brandverlauf

Abbildung 3 Traditioneller Brandverlauf

Während der Governors Island Versuchsreihe bestätigten sich die Erkenntnisse aus vorherigen Studien, dass sich die Wärmefreisetzungsrate von Räumen mit moderner Ausstattung stark erhöht.

Maßgeblicher Grund dafür ist die starke Zunahme von Kunststoffhaltigen Produkten in modernen Haushalten. Kunststoffe verfügen über eine deutlich höhere Wärmefreisetzungsrate als die gleiche Menge Holz oder anderer natürlicher Werkstoffe. Außerdem produzieren Kunststoffe ca. 13mal mehr Rauch als Holz.

Durch die erhöhte Wärmefreisetzung benötigen moderne Brände wesentlich mehr Sauerstoff, dies führt dazu dass nicht genügend Sauerstoff durch die zur Verfügung stehenden Öffnungen nachströmen kann. Dieser Umstand führt schnell zu sauerstoffkontrollierten Bränden.

Sauerstoffkontrollierte Brände verfügen über genügend brennbares Material, dass aufgrund des Mangels von Sauerstoff nicht vollständig verbrannt werden kann. Durch die Zufuhr von Luft wird die Verbrennung intensiviert, mehr Luft verursacht mehr Feuer. (siehe Abbildung 3)

In einem Versuch im Rahmen der UL und NIST-Studien in Nordamerika wurden Brandversuche in identischen Gebäuden mit derselben Brandlast durchgeführt. Ein Gebäude war mit Inneneinrichtung die dem Stand vor 30 / 40 Jahren entsprach ausgestattet, ein anderes Gebäude mit Inneneinrichtung des heutigen Standards. (siehe Abbildung 4)

Das Feuer in dem modern ausgestatteten Gebäude hatte nach 5 Minuten zu wenig Sauerstoff um sich weiterzuentwickeln und wurde „schwarz“. Nachdem die Eingangstüre und Fenster geöffnet wurden benötigte dieses Feuer 2:15 Minuten bis zum Flash-Over (1.800°F oder 980°C Sauerstoffgehalt im Brandraum 1%).

Das Feuer in dem mit alter Inneneinrichtung ausgestatteten Raum hatte nach 20 Minuten zu wenig Sauerstoff um sich weiterzuentwickeln. Nachdem die Eingangstüre und Fenster geöffnet wurden benötigte dieses Feuer 8:30 Minuten bis zum Flash-Over (1.600°F oder 870°C Sauerstoffgehalt im Brandraum 8%)

Kunststoffe verbrennen mit höherer Temperatur und benötigen während der Verbrennung mehr Sauerstoff als Stoffe auf der Basis natürlicher Materialien das bedeutet zum Einen, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit von Personen die sich in den heutigen Brandwohnungen befinden ist niedriger als die Überlebenswahrscheinlichkeit vor 30 Jahren und zum Anderen dass die Zeitspanne die den Feuerwehrangehörigen nach dem Schaffen eines Zuganges zum Brandherd (und damit einer Ventilationsöffnung) zur Einleitung von Löschmaßnahmen verbleibt wesentlich geringer ist als früher. Die Zeit die den Feuerwehren zum Koordinieren ihres Löschangriffes zur Verfügung steht ist kürzer. Die Zeitschiene ist geschrumpft.

 

Ventilationskontrollierte Brände

Als ventilationskontrolliert bezeichnet man einen Brand dann, wenn brennbarer Stoff in ausreichender Menge vorhanden ist und lediglich der zur Verfügung stehende Sauerstoff als limitierender Faktor die Verbrennung beeinflusst. Die während der Verbrennung entstehenden, brennbaren Produkte können aufgrund des Sauerstoffdefizites nicht im Raum verbrennen. Diese unverbrannten Produkte werden dann außerhalb des Raumes an Öffnungen wie Türen und Fenstern verbrennen oder sich in der vom Brand betroffenen Einheit ablagern.

Ventilationskontrollierte Brände reagieren extrem auf die Zufuhr von Sauerstoff. Durch das Schaffen von Ventilationsöffnungen nehmen die Intensität des Feuers und damit die Wärmefreisetzung rasant zu. Das bedeutet, dass die Feuerwehren ein besonderes Augenmerk auf die Kontrolle der Ventilation legen müssen.

 

Abbildung 4 Moderner Brandverlauf nach den Governors Island Versuchen (Eigene Darstellung nach NIST/UL)

Abbildung 4 Moderner Brandverlauf nach den Governors Island Versuchen (Eigene Darstellung nach NIST/UL)

 Abbildung 5 Vergleiche moderner Raum / alter Raum (Eigene Darstellung nach NIST/UL)


Abbildung 5 Vergleiche moderner Raum / alter Raum (Eigene Darstellung nach NIST/UL)

Anlässlich der Governors Island Versuche hat sich gezeigt, dass jedes Schaffen von Öffnungen (z.B. Einschlagen oder Versagen eines Fensters, Öffnen der Haustüre durch die Feuerwehr) die eine Verbindung des Brandes mit der Außenwelt zulassen zu einer Steigerung der Wärmefreisetzung führt da das Feuer mehr Sauerstoff zur Verfügung hat.

Während dieser Phase muss der Luftzutritt entweder kontrolliert unterbunden oder das Feuer sofort angegriffen werden, andernfalls kommt es zwangsläufig zu einer Raumdurchzündung.

Während der Versuchsreihe wurde nach der Raumdurchzündung eine Ventilationsöffnung im Dachbereich geschaffen. Dies führte zu einer nochmaligen Steigerung der Wärmefreisetzung im Gebäude.

Sobald die Brandbekämpfung aufgenommen wurde nahm die Wärmefreisetzungsrate ab und der Brand wurde in ein Brennstoffkontrolliertes Stadium zurückgeführt. In dieser Phase war die Ventilationsöffnung für den Rauchabzug und die Senkung der Temperaturen in der Wohnung vorteilhaft.

 

Welchen Einfluss üben Ventilationsmaßnahmen auf den Brandverlauf aus?

Bereits in einer Vorversuchsreihe hat sich gezeigt, dass das Schaffen von Öffnungen (dazu zählt auch das Öffnen von Türen oder Fenstern) erheblichen Einfluss auf die Entwicklung von ventilationskontrollierten Bränden hat.

  1. Die Versuchsreihen auf Governors Island haben diese ersten Erkenntnisse bestätigt. Daraus lassen sich folgende Erwägungen ableiten:Das Schaffen von Öffnungen und damit das Schaffen von Schwerkraftströmungen muss durch die verantwortlichen Führungskräfte kontrolliert werden. Das unkontrollierte Schaffen von Ventilationsöffnungen kann zu einer unkontrollierten Brandausbreitung führen und die Feuerwehrangehörigen sowie Bewohner des Hauses in Lebensgefahr bringen. Die Luftzufuhr in den Brandraum muss durch geeignete Maßnahmen (Rauchvorhang, Türen schließen/zuhalten) kontrolliert werden.
  2. Das Begrenzen der Luftzufuhr führt zu niedrigeren Temperaturen in der vom Brand betroffenen Nutzungseinheit und erhöht dadurch die Überlebenschancen der Bewohner.
  3. Das Unterbrechen eines Strömungspfades kann die Entwicklung des Brandes verlangsamen. Wenn bei einem Kellerbrand die Türe zwischen Wohnung/Treppenraum und Keller geschlossen wird führt dies zu einem Abfall der Sauerstoffkonzentration im Keller und damit zu einer Verlangsamung der Brandentwicklung.

 

Welchen Einfluss üben verschiedene Vorgehensweisen im Außen- und Innenangriff auf den Brandverlauf aus?

 

Vent-Enter-(Isolate)-Search/Ventilieren-Eindringen-Isolieren-Suchen

Diese Taktik beschreibt das Schaffen eines Zuganges zu einem Raum oberhalb des Brandherdes in dem sich vermutlich noch Menschen aufhalten. Ziel dieser Taktik ist ein schnelles Absuchen des Raumes um Menschen zu retten.

Während der Versuchsreihe zeigte sich, dass diese Taktik ein effektives und schnelles Mittel zur Rettung von eingeschlossenen Personen sein kann wenn ein Zugang nicht anderweitig möglich ist.

Wichtig bei dieser Taktik ist jedoch, dass nach dem Einschlagen des Fensters ein sofortiges Eindringen in den Raum und das sofortige Schließen der Türen erfolgt. Durch das sofortige Schließen der Türen wird der Raum vom Brand isoliert und es entsteht kein Strömungspfad zwischen Öffnung und Brand.

In einer ersten Versuchsreihe wurde im Erdgeschoss ein Zimmer in Brand gesetzt, die Hauseingangstüre war geöffnet. Im Obergeschoss befanden sich zwei Schlafzimmer, eines mit geschlossener Türe zum Flur und eines mit geöffneter Türe zum Flur.
Nachdem die Fenster der Schlafzimmer zerstört wurden zeigte sich im Schlafzimmer mit geöffneter Türe folgendes Bild:

  1. Es baute sich sofort ein Strömungspfad zwischen geöffnetem Fenster im OG und dem Brandraum im EG auf
  2. Die Temperatur im Brandraum stieg von 400°C auf rund 1.000°C
  3. Die Temperatur im Schlafzimmer mit geöffneter Tür zum Flur stieg auf rund 320°C
  4. Der Brandrauch und die heißen Brandgase strömten mit ca. 25 km/h aus dem zum Einstieg geöffneten Fenster

Dem gegenüber lag die Temperatur in dem Schlafzimmer dessen Türe zum Flur geschlossen war bei rund 50°C durchgehend.

Nun wurde die Türe im Schlafzimmer mit geöffneter Tür zum Flur geschlossen, dies hatte folgenden Effekt:

  1. Die Temperatur im Brandraum pendelte sich bei 800°C ein
  2. Die Temperatur im Schlafzimmer mit geöffneter Tür zum Flur fiel auf 70°C
  3. Brandrauch und heiße Brandgase strömten nicht mehr aus dem Fenster

 

Ausnutzen der Wurfweite – Beginn des Innenangriffs mit einem Außenangriff

Das Feuer wurde in einem Zimmer im Erdgeschoss entzündet welches sich auf der dem Hauseingang gegenüberliegenden Hausseite befand (Abstand ca. 9m zur Hauseingangstür). Die Hauseingangstür und ein Fenster im Obergeschoss (Schlafzimmer) waren geöffnet, so dass Brandgase und Rauch dort entweichen konnten.

Die Feuerwehrangehörigen begannen damit den Wasserstrahl von der Hauseingangstür aus in die heiße Rauchschicht zu halten, dies führte zu einer Abnahme der Temperatur im gesamten Haus und zu einem Rückgang der Brandentwicklung. Die Temperatur im Frontbereich des Wohnzimmers nahm von 650°C auf 150°C ab, die Temperatur im Treppenbereich sank von 980°C auf 420°C.

Eine ähnliche Entwicklung zeigte sich auch wenn die Hauseingangstür die einzige Ventilationsöffnung darstellte.

Ähnliche Versuche wurden auch bei einem Kellerbrand durchgeführt. Dafür wurde ein Raum im Untergeschoss in Brand gesetzt, ein Kellerfenster und ein außen liegender Zugang zum Keller sowie die Hauseingangstür waren geöffnet.

Der durch das Kellerfenster abgegebene Löschwasserimpuls in den Brandraum führte auch hier zu einer Reduzierung der Temperatur und Brandintensität.

Bei einem Versuch der Forschungsstelle für Brandschutztechnik (FFB) Karlsruhe führte ein von außen an die Decke gerichteter Löschmittelstrahl (CAFS) allerdings zu einer Durchzündung am Brandraumfenster und dem massiven Austritt von Flammen aus dem Gebäude.

Durch die hohe Wärmekapazität der bei uns vorherrschenden Massivbauweise verdampft das an die Decke aufgebrachte Löschmittel sofort. Bei einer Deckentemperatur von 800°C entstanden aus 3 Liter Wasser rund 10.000 Liter Wasserdampf mit einer Temperatur von 500°C.

Durch die extreme Volumenzunahme wird der Wasserdampf zusammen mit nur teilweise verbrannten Brandgasen aus jeder Öffnung des Brandraumes gedrückt. Dieses Vorgehen gefährdet die Einsatzkräfte und überträgt das Brandrisiko auf andere Räume.

Die in den USA übliche Holzrahmenbauweise, die sich auch in Deutschland im Bereich der Fertighäuser immer weiter verbreitet weist keine so hohe Wärmekapazität auf wie die Massivbauweise. Während bei der Massivbauweise vor allem Mauerwerk und Beton zum Einsatz kommen werden bei der Holzrahmenbauweise oder der Holztafelbauweise Leichtbaumaterial wie Vollholz und verschiedene Holzwerkstoffe eingesetzt die eine geringer Wärmekapazität als z.B. Beton oder Mauerwerk aufweisen.

Derzeit existieren keine Versuche die sich mit dieser Frage beschäftigen. Betrachtet man die Ergebnisse des Versuches an der FFB klingt die Erläuterung dazu schlüssig. Daher sollte im jeweiligen Einzelfall entschieden werden ob ein kurzer Außenangriff durchgeführt wird oder nicht.

 

Ein Außenangriff drückt die heißen Brandgase ins Gebäude und führt dort zu einer Brandausbreitung

Diese These konnte nicht bestätigt werden. Egal an welcher Stelle Wasser in Richtung des Brandes abgegeben wurde stellte sich immer eine signifikante Verbesserung der Bedingungen in der vom Brand betroffenen Nutzungseinheit ein.

Allerdings muss bei einem Außenangriff beachtet werden, dass dies lediglich mit einem Vollstrahl geschehen darf der vor und zurück bewegt wird. Führt man den Außenangriff mit einem Sprühstrahl durch oder bewegt den Vollstrahl kreisförmig im Fenster führt dies dazu, dass das Fenster als einzige Auslassöffnung für den entstehenden Wasserdampf quasi versiegelt wird.

In diesem Fall wird der entstehende Wasserdampf ins Gebäude gedrückt und kann Personen die sich dort aufhalten verbrühen.

Abbildung 6 Strahlrohrführung im Außenangriff

Abbildung 6 Strahlrohrführung im Außenangriff

Ein kurzer Außenangriff kann Sinn machen um die Bedingungen in der vom Brand betroffenen Nutzungseinheit für die vorgehenden Einsatzkräfte und eventuell eingeschlossene Bewohner zu verbessern.

Der Außenangriff ist kein Mittel um das Feuer endgültig zu löschen. Gleichzeitiger Innen- und Außenangriff müssen koordiniert werden, sonst besteht die Gefahr dass die Einsatzkräfte im Inneren durch den Außenangriff gefährdet werden.

Ob ein an die Decke gerichteter Löschmittelstrahl bei Gebäuden in Massivbauweise zu einer Verbesserung oder Verschlechterung der Gesamtsituation führt ist auf Grundlage der vorliegenden Versuchsreihen nicht eindeutig zu bewerten.

Die Ergebnisse der FFB-Versuche und die Tatsache, dass die Versuchsreihen von NIST und UL in Gebäuden mit der typisch amerikanischen Leichtbauweise stattfand sollten hier berücksichtigt werden.

 

Kombination von Innenangriff und Ventilationsmaßnahmen

Die Versuche haben gezeigt, dass das Einleiten von Ventilationsmaßnahmen als Unterstützung des Innenangriffs sinnvoll ist sobald die Einsatzkräfte im Inneren mit der Brandbekämpfung begonnen haben.

In allen Fällen konnte beobachtet werden, dass durch Ventilationsmaßnahmen die nach Beginn der Brandbekämpfung aufgenommen wurden die Verhältnisse in der betroffenen Nutzungseinheit weiter verbessert werden konnten.

Ventilationsmaßnahmen sollten gestartet werden wenn sicher ist, dass die Einsatzkräfte den Brand gefunden haben und erfolgreich bekämpfen. Sofern Unsicherheiten bestehen muss genau abgewogen werden ob Ventilationsmaßnahmen gestartet werden da im schlimmsten Fall die eigenen Einsatzkräfte dadurch gefährdet werden können.

Video mit vergleich von „alten“ zu „modernen“ Bränden:

Quellenangaben:

Arbeitsgruppe Realbrandausbildung des VdF NRW und der AGBF NRW (Hrsg.): Phänomene der extremen Brandausbreitung, http://www.ragtal.lu/index.php?option=com_jotloader&section=files&task=download&cid=14_db8db6ce9952d7b668948ce82cdc52ce&Itemid=131 abgerufen am 19.04.2014

Föhl, C. Axel: Ermittlung der Anforderungen an Druckluftschaum-Systemen im Löscheinsatz, http://www.ffb.kit.edu/download/IMK_Ber._Nr._140.pdf abgerufen am 19.04.2014

Governors Island online Course: http://www.firecompanies.com/modernfirebehavior/governors%20island%20online%20course/story.html abgerufen am 19.04.2014

Kerber, Steve: Impact of Ventilation on Fire Behavior in Legacy and Contemporary Residential Constructions, Underwriters Laboratories, 2010

Kerber, Stephen: Study of the Effectiveness of Fire Service Vertical Ventilation and Suppression Tactics in Single Family Homes, Underwriters Laboratories, 2013

Kerber Steve, Madrzykowski Dan, Alkonis Derek: NIST and UL Research on Fire Behavior & Fireground Tactics, http://ulfirefightersafety.com/news_blog/nist-and-ul-release-a-video-lecture-series/ abgerufen am 19.04.2014

Kunkelmann, Jürgen: FFB Flashover Backdraft Rollover Druckbehälterzerknall – Präsentation, http://www.ffb.kit.edu/download/FFB_Flashover_Backdraft_Rollover_Druckbehaelterzerknall-73-web-oV.pdf abgerufen am 19.04.2014

Kunkelmann, Jürgen: Feuerwehreinsatztaktische Problemstellungen bei der Brandbekämpfung in Gebäuden moderner Bauweise Teil 1, http://www.ffb.kit.edu/download/IMK_Ber._Nr._154_Brein_Kunkelmann_Moderne_Bauweise_Teil_1-36.pdf abgerufen am 19.04.2014

Kunkelmann, Jürgen: Feuerwehreinsatztaktische Problemstellungen bei der Brandbekämpfung in Gebäuden moderner Bauweise Teil 2, http://www.ffb.kit.edu/download/IMK_Ber._Nr._164_Kunkelmann_Moderne_Bauweise_Teil_2.pdf abgerufen am 19.04.2014

Kunkelmann, Jürgen: Bewertung der Löschmittel Wasser und Wasser mit Zusätzen für den Feuerwehreinsatz, bei besonderer Berücksichtigung von Bränden in ausgebauten Dachgeschossen, http://www.ffb.kit.edu/download/IMK_Ber._Nr._169_Kunkelmann_Loeschmittel_bei_Braenden_in_ausgebauten_Dachgeschossen.pdf abgerufen am 19.04.2014

UL Firefighter Safety Institute: Fire Service Summary Report: Study of the Effectiveness of Fire Service Vertical Ventilation and Suppression Tactics in Single Family Homes, Underwriters Laboratories, 2013




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