9/11: Die Frage

Der 11. September 2001 ist ein Tag den niemand, der ihn auch nur teilweise mitbekommen hat jemals vergessen wird. Zu gut wissen wir, was wir in den Stunden der Angriffe auf das World Trade Center gemacht haben.

Jan Südmersen verfasste heute einen Artikel, wie er diesen Tag erlebt hatte und was seine Gedanken dazu waren. Jan erlaubte uns diesen hier zu veröffentlichen. Danke dafür!

 

„Die Frage“ (deutsche Version)

Wir kamen gerade aus dem Flashover-Container als ein Kollege sagte, dass da ein Flugzeug in das World Trade Center geflogen ist und so saßen wir in voller Schutzkleidung, PA auf dem Rücken, stinkend und schwitzend in der Unterkunft des THW und sahen die Katastrophe. Wir sahen das Feuer und konnten vor unserem inneren Auge die Kollegen sehen wie sie schwer bepackt Treppe um Treppe nach oben stampften. Wir litten mit. Der Einsturz des ersten Turms war wie ein Schlag in den Magen, so ein „Ups, heute ist Zahnarzttermin“ oder „Es gibt Zeugnisse“- Gefühl. Als der zweite Turm einstürzte hörten die Gespräche, die alle mit „Vielleicht..“ begannen auf und wir gafften nur noch den Fernseher an. Stille. Als ich den Fernseher nach weiteren 5 Minuten ausmachen wollte, merkte ich, dass ich die Handschuhe noch anhatte.

Den Abend und die Nacht verbrachte ich im Ausnahmezustand zwischen Internet und CNN. Erste Zahlen bestätigten die eigene logische Schlussfolgerung, dass es nicht viele Überlebende geben kann, wenn 110 Geschosse Beton und Stahl zusammenklappen wie eine nasse Sandburg. Bilder zeigten brennenden Löschfahrzeuge und verzweifelte Feuerwehrleute. Zahnarzt-mit-Wurzelbehandlungsgefühl.

Ja, obwohl es knapp 3000 Opfer gab, lag und liegt mein emotionales Hauptaugenmerk auf den Verlusten des FDNY. In unserem Beruf wird man oft mit dem Tod konfrontiert, irgendwann lernt man das einzuordnen oder eine Distanz zu wahren, damit man nicht am Einsatzalltag zerbricht oder ganz abstumpft. Diese psychische Mauer zerbröselt aber regelmäßig bei Einsätzen mit Kindern und wenn Kollegen betroffen sind – es geht einem an die Nieren. Gründlich.

An der Stelle möchte ich nicht in dem Helden- und Nationalethos einstimmen, der danach in den USA aber auch hier stellenweise übergekocht ist. (Ich will ihn aber auch nicht verurteilen, weil das US-Feuerwehrwesen eben so funktioniert. Wir haben in Deutschland ganz andere Macken, über die sich andere bestimmt kringelig lachen.)

Feuerwehrleute sind wahre Meister, wenn es darum geht, über andere Feuerwehrleute zu lästern, sich gegenseitig runterzumachen und generell zu frotzeln was das Zeug hält. FF vs. BF, Wachabteilungen untereinander oder gegen die Führung und umgekehrt – alles mit wachsender Begeisterung. Was sie aber auch eint, ist der Ruck und der Zusammenhalt, der durch jeden geht, egal ob bezahlt oder freiwillig, jung oder alt, wenn es „um die Wurst“ geht, wenn sie gebraucht werden, wenn es ernst wird.

Surreale VU-Situationen , staatlich bescheinigte Irre, scheußliche Verletzungen, schlecht gelaunte Kunden, Explosionen, aggressive Alkoholiker, miese Gefahrgüter, Kindstode oder eben auch brennende Hochhäuer – all das kann auf uns warten, wenn die Tore aufgehen. Oft und meistens ist es nur Kleinkram, aber ab und zu macht die Feuerwehr den Unterschied zwischen einer Todesanzeige und einem erfüllten Leben „danach“.

Es ist –  ohne Pathos – das Edelste im Menschen was zum Vorschein kommt und sich im Gesicht meiner Kollegen und Kameraden widerspiegelt, wenn der Angriffstrupp sich auf der Anfahrt zum Wohnungsbrand konzentriert ausrüstet, Schere/Spreizer klar gemacht wird oder gar reanimiert wird. Es ist die Entschlossenheit, diesen Unterschied zwischen Leben und Tod eines Unbekannten machen zu wollen. Es ist die Entschlossenheit, sich selber der Frage zu stellen: Kann ich das jetzt wirklich leisten? Es ist insbesondere die grimmige  Entschlossenheit, die Frage auch bei wirklich widerlichen Einsätzen mit „Scheiß drauf, ich muss dass jetzt machen, kommt ja sonst keiner“ zu beantworten und „durchzuziehen“. Das ist das was einen guten Feuerwehrmann „mit Biss“ ausmacht.

Und nur diejenigen, die sich so einer Frage schon mal in dieser oder einer anderen Form gestellt haben („Kann ich noch weiter?“;  „Bä, das ist zu kalt (zu heiß, zu eng, etc.) – da soll ich rein?“ oder eben auch „Da oben müssen wir hin?“) können wirklich mit denjenigen fühlen, die an dem Septembermorgen vor den Türmen standen, mit Schläuchen und anderen Krempel bepackt und auf das „Go“ zum Aufstieg warteten. Die sich in der Lobby aufhalten mussten, weil die Springer rings herum mit einem satten „Fump“ einschlugen. Die wussten, dass  Hochhausbrandbekämpfung bei der Größe des Brandes sinnlos ist und es nur nach darum geht, möglichst viele der 50.000 Leute aus den Türmen zu holen. Und obwohl sie nicht wussten und wissen konnten, ob und wie lange das Gebäude das mitmacht oder ob da noch ein Spinner mit einen Linienjet kommt, sich mit grimmiger Entschlossenheit eine Etage nach der anderen gegen den Strom der Flüchtenden hoch kämpften.

Und die zerstampft, in Teile gerissen, erdrückt, verbrannt, aus dem Gebäude geschleudert oder sonst was wurden. 343 gute Menschen. 343 Brüder, Söhne, Kumpel, Ablöser, Stinkstiefel, gute Geister, Familienväter, Clowns, Heißdüsen, Rotärsche, Ehemänner, alte Säcke, weiße und dunkle Wolken. Ja, auch 10 Jahre danach tut das noch weh.

Gerade weil viele von uns sich selber Tag für Tag den kleinen oder großen Katastrophen stellen müssen und die Frage an sich selbst „Schaffe ich das?“ auf die gleiche ehrenhafte Weise wie die New Yorker Kollegen beantworten, sollten wir der besonderen Entschlossenheit und dem 343mal gedachten „F*** it, let’s go!“ unserem besonderen Respekt zollen.

Gut gemacht, Jungs.

 

„The Question“ (english version)

We just came out oft the Flashover-Can as one of the guys told us that a plane has hit WTC and so we watched the news in full gear and scba –heated,  sweating and smoked. We saw the fire und imagined how our brothers climbed the stairs – heavily loaded with all kind of stuff. As the first tower fell, it hit us like a heavy punch in the stomach. It was a feeling like:” Today I’ve to go to the dentist” or “Final exams today”.As the second tower fell, every discussion and thought that started with “maybe….” Stopped and there were silence in that room. A few minutes later as I sent the guys home I noticed I got my gloves still on…

This evening and the following night I spent in a mental state of shock between CNN and Internet sources. First reports proved my own logical analysis, that there won’t be many survivors, when 100 Floors of concrete collapsed like a wet sand castle at the beach. First pictures from Ground zero showed burning fire units and shocked firefighters. There was this “Dentist-Feeling” again, intensifying.

Yes, although there were a lot of victims, my emotional focus were the 343 lost brothers. In our job you will be confronted with the deaths of civilians many times so that you are forced to deal with it so you don’t break over it. But this protective wall fails everytime you have incidents where kids or brothers are hurt or killed.

Firefighters are real experts i fit comes to tease other firefighters, talk badly about Vollies, the other shift, the other station, the brass and so on. But what they also have in common – worldwide – is the compassion and the teamwork, no matter if they are young or old, paid or not,  if there is a serious and difficult job to do.

When the bay doors open, surreal accidents scenes, shocking injuries, bad mooded customers, explosions, allkinds of Hazmat stuff, sudden child deaths and fires in highrise buildings maybe waiting for us. In most cases its just BS, but from time to time we make the difference between a good live “after it” and a death notice.

Then you can see one the finest  human mindsets in the eyes of those guys, donning scba enroute the scene, preparing the jaws of life or giving CPR . It is the determination, to make the difference for that victim. It is the determination, to confront himself to the question: “Can I really do that?”. And its Determination and Compassion in real bad nightmare-like situations to say “F*** it, let’s go.” This is one of the characteristics of a real good firefighter

And only those who have been confronted to that question in the one kind or another (“Wow, this is way to cold/hot/high/small to go there – must I?”) can really understand the feelings of those brothers standing in front of the WTC at this sunny morning, packed with hoses and tools and waiting for the “Go!”. Those who know the this is already a lost fight and its only about rescuing as much as possible of those 50000 civilians working in the Towers. Those who couldn’t if and how long the towers would withstand the fire. Those who didn’t know if there isn’t another idiot kidnapping the next jet and heading for the final blow. And those, who despite all of that, went with determination and compassion up the stairs.

Those who were torn into pieces, burned, crushed, eject from the building or whatsoever. 343 good humans. 343 brothers, sons, fathers, rookies, seniors, white and dark clouds, friends, husbands and so on. Yes it still hurts.

And especially because many of us have to confront themselves to all those little and big catastrophies day for day and then answer the question „Can I really do this?“ in the same honorable like those brothers at 9/11 way we have honor the determination and compassion of those 343 individials who thought „F*** it, let’s go” that day by never forgetting them.

Good job, guys.

[Foto von Brendan Loy on Flickr]




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